Artikel veröffentlicht bei femtastics.com.

BIPoC (Black, Indigenous People of Color) sehen sich in einer weißen Mehrheitsgesellschaft oftmals mit Fremdzuschreibungen konfrontiert, mit denen sie sich nicht identifizieren. „MyUrbanology“ – eine 2018 gegründete Onlineplattform für BIPoC Perspektiven – greift genau diese Problematik auf. Die 38-jährige Psychologin Stephanie Cuff Schöttle und die 37-jährige Kommunikationsexpertin Mashanti Alina Hodzode haben es sich zur Aufgabe gemacht, Schwarze Menschen in ihrer Heterogenität und Individualität darzustellen. Dabei ist es ihnen besonders wichtig, die Selbstwirksamkeit ihrer Leser*innen zu stärken. Hierfür stellen sie ausgewählte Angebote aus den Bereichen Health, Lifestyle, Business und Books für Erwachsene und Kinder vor. Auch offline treiben die zwei Gründerinnen die Vernetzung Schwarzer Menschen und People of Color in Deutschland mit ihren Veranstaltungen und Workshops voran. Wir haben mit den zwei Wahlberlinerinnen darüber gesprochen, warum Selfcare nicht erst am Ende des Tunnels relevant, sondern Teil des Alltags sein sollte, wie sie zu einem selbstbestimmten Leben inspirieren und woher die beiden ihre Motivation ziehen.

WIR BETRACHTEN DEN RASSISMUS ALS STRUKTURELL. DAS HEISST, DASS ER IN VIELEN LEBENSBEREICHEN VERANKERT IST. ER HAT ÜBERALL SEINE FINGER MIT DRIN UND WIRKT MAL MEHR UND MAL WENIGER BEWUSST

femtastics: Wie schätzt ihr die Präsenz und Bedeutung von Rassismus in Deutschland ein?

Mashanti: Aktuell hat das Thema durch die Medienberichterstattung unglaublich viel Aufmerksamkeit bekommen. Was nicht heißt, dass Rassismus vorher nicht schon in der gleichen Ausgeprägtheit präsent war. Wir betrachten den Rassismus als strukturell. Das heißt, dass er in vielen Lebensbereichen verankert ist. Er hat überall seine Finger mit drin und wirkt mal mehr und mal weniger bewusst. Das ist es, was es so tricky macht. Dass Rassismus in vielen Bereichen Wirkung hat, wird durch die aktuelle Situation auch für die Menschen, die sich bisher noch nicht so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, deutlicher.

FÜR DIE PERSONEN, DIE IM BERATERISCHEN KONTEXT ZU MIR KOMMEN, STELLT SICH NICHT DIE FRAGE, OB RASSISMUS VORHANDEN IST, SONDERN WIE LANGE SIE ES NOCH DAMIT AUSHALTEN.

Stephanie: In meiner Arbeit sehe ich eine große Bandbreite an Themen, die mit Rassismuserfahrungen zusammenhängen. Für die Personen, die im beraterischen Kontext zu mir kommen, stellt sich nicht die Frage, ob Rassismus vorhanden ist, sondern wie lange sie es noch damit aushalten. Dabei gibt es Menschen, die reflektieren können, was ihnen passiert und wie sie dies wiederum einordnen wollen. Und es gibt natürlich auch Menschen, die Rassismuserfahrungen machen, die das für sich anders interpretieren. Es gibt eine große Palette an Erfahrungen, die keine Individual-, sondern Kollektiverfahrungen sind. Das können sehr viele Menschen in unserem Land unterschreiben. Bei meiner Arbeit ist es das Ziel, die Selbstwirksamkeit zu stärken um einen selbstbestimmteren Umgang für sich mit den gemachten und zukünftigen Erfahrungen dieser Art zu finden. Das Traumatische am Rassismus ist, dass Menschen ihm mit maximaler Hilflosigkeit gegenüberstehen. Egal wie sehr man sich angestrengt hat und angepasst verhält, man kann auf die Entwertungen, die gemacht werden, zurückgeworfen werden. Gefühle wie Angst, Hoffnungslosigkeit und reduzierte Selbstwirksamkeit können aus rassistischen Diskriminierungen resultieren und bei Erwachsenen und Kindern Wunden hinterlassen, die Heilung bedürfen.

Ihr befasst euch auch mit Rassismus in Kontexten, in denen Menschen selbst nicht davon betroffen sind.

Mashanti: Genau, der Kraft- und Energieverlust passiert nicht nur auf Opfer-, sondern auch auf Täter*innenseite. Die aktuelle Veränderungsbereitschaft ist eine Chance. Und damit meine ich nicht nur sich sogenannte Leidensgeschichten anzuhören. Das Ziel ist es, die eigene Perspektive auf die Welt und die Menschen zu öffnen, dabei kritisch zu reflektieren und die Gesellschaft weniger rassistisch mitzugestalten.

Stephanie: Ich habe vor Kurzem einen Workshop für weiße Therapeut*innen gehalten, bei dem es um die Frage ging: „Wie können wir reflektierter und rassismuskritischer bei der Arbeit sein?“. Gemeinsam haben wir die Auswirkungen für uns alle reflektiert, denn gerade bei weißen Therapeut*innen spielen Schuld und Scham in diesem Kontext eine Rolle. Dies wiederum versperrt Zugänge offen zu sein und in Beziehung zu gehen. Sobald das Thema Rassismus aufkommt, gehen Menschen oft aus Beziehungen heraus. Unser Ziel ist es, dies besprechbar zu machen und sich anzuschauen, welchen Impact es auf uns alle hat.

VIELE MENSCHEN HABEN AUFGRUND DER AKTUELLEN RASSISTISCH MOTIVIERTEN EREIGNISSE VERSTÄRKT DAS GEFÜHL, MEHR SELFCARE BETREIBEN ZU WOLLEN UND ZU MÜSSEN.

Selbstfürsorge und – wirksamkeit zu fördern ist euch ein wichtiges Anliegen. Wie setzt ihr das bei „MyUrbanology“ um?

Stephanie: Gerade Schwarze Menschen sehen sich oft mit Fremdzuschreibungen konfrontiert. Fragen danach, wie sie selbst ihr Narrativ bestimmen und ihr Leben aktiv mitgestalten können, möchten wir mit unserer Arbeit auffangen. Wir möchten den Menschen verschiedene Optionen aufzeigen, die sie stärken können. Von Literatur, bis hin zu Gruppentreffen, die dabei helfen gut vernetzt und selbstbestimmter durchs Leben zu gehen.

Mashanti: Gerade beim Thema Selbstfürsorge ist es wichtig, überhaupt erst einmal eine Wahrnehmung hierfür zu entwickeln. Die ersten Schritte sind hier herauszufinden, was einem gut tut und woran man erkennt, was man braucht.

Stephanie: Und sich das dann auch zu erlauben. Das ist unser Ziel mit „MyUrbanology“ – die Leute zu ermutigen, sich mit der eigenen Fürsorge auseinanderzusetzen. Viele Menschen haben aufgrund der aktuellen rassistisch motivierten Ereignisse verstärkt das Gefühl, mehr Selfcare betreiben zu wollen und zu müssen.

Mashanti: Die meisten Personen, die an den Selfcare Workshops teilnehmen, fühlen sich in ihrem Arbeitsumfeld als Person of Color oftmals alleine mit gewissen Erfahrungen, die sie machen. Basierend darauf wünschen sie sich einen Raum, in dem sie sich mit anderen austauschen können. Sie suchen nach Möglichkeiten einen guten Umgang mit den Dingen, die sie im Außen erfahren, zu finden. Zum Beispiel, um nicht in Aggressivität verweilen zu müssen. Viele wünschen sich auch, Diskriminierungserfahrungen nicht so lange mit sich rumtragen zu müssen.

Wie seid ihr zu dem Namen „MyUrbanology“ gekommen und wofür steht er?

Stephanie: Ich hatte die Idee, Angebote im psycho-sozialen Sektor mit Themen des alltäglichen Lebens zusammen zu bringen und auf einer Plattform sichtbar zu machen. Oftmals besteht nach wie vor ein Stigma, das psycho-soziale Angebote erst am Ende des Tunnels angenommen werden. Ich dachte mir: Das ist doch Quatsch. Persönlichkeitsentwicklung und sich selbst reflektieren zu wollen, gehört zum täglichen Leben genauso dazu wie zum Friseur zu gehen. Und ebenso sichtbar sollten auch Angebote in diesem Bereich sein.

Das „Urban“ in „MyUrbanology“ steht für das Junge und Moderne. Wir sind zwei Schwarze Frauen, die in der Stadt leben und die Möglichkeit haben, sich Angebote zu schaffen und bereits vorhandene wahrzunehmen. Hinsichtlich der von uns verwendeten Sprache war es uns wichtig, den Health Sektor so zu repräsentieren, dass wir uns selbst davon angesprochen fühlen. Das „My“ in dem Namen steht für Selbstbestimmung und die Vorstellung, sich aktiv Dinge in sein Leben zu holen, die einem gut tun. „MyUrbanology“ steht also für das selbstbestimmte Großstadtleben mit allen Themen, die uns bewegen.

UNS GEHT ES DARUM ANGEBOTE ABZUBILDEN, VON DENEN MENSCHEN VIELLEICHT NOCH GAR NICHT WUSSTEN, DASS SIE IHNEN HELFEN KÖNNEN.

Ihr habt ein vielfältiges Angebot von Events über Interviews mit verschiedenen Persönlichkeiten bis hin zu Artikeln und Empfehlungen. Wo liegt dabei euer Hauptfokus?

Stephanie: Health steht hinter allen Themen, es ist der Hauptfokus unserer Arbeit. In allen Formaten – unabhängig von der Thematik – geht es letztlich darum wie wir uns gegenseitig stärken können. Wie können wir unsere eigenen Ressourcen aktivieren? Wie können wir unsere Individualität leben und wertschätzen?

Mashanti: Und natürlich auch die seelische Gesundheit. Stephanie und ich haben einen sehr ähnlichen Blick darauf, was es bedeutet, selbstbestimmt das eigene Leben zu gestalten. Es geht darum wahrzunehmen, was man braucht und was einem guttut. Das lässt sich zum Teil natürlich über Therapien, Meditation und Beratung abdecken. Uns geht es darum Angebote abzubilden, von denen Menschen vielleicht noch gar nicht wussten, dass sie ihnen helfen können.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Onlineplattform für BIPoC zu gründen?

Mashanti: Stephanie hatte die Idee zu der Plattform schon in der Tasche, als wir uns 2014 kennenlernten. Zu dem Zeitpunkt war ich selbstständig in der Marketingberatung tätig. Wir haben uns auf Anhieb total gut verstanden. Auch in die Idee habe ich mich sofort verliebt. Anstatt sie diesbezüglich weiter zu beraten, haben wir beschlossen, das Vorhaben gemeinsam umzusetzen. Es war von Anfang an klar, dass es eine Online-Plattform sein soll. Uns war es wichtig, dass es zum einen zeitgemäß und zum anderen zugänglich ist. Auch wenn wir einen urbanen Style und Großstadtflair kommunizieren wollen, haben wir auch an viele Menschen gedacht, die in Orten leben, in denen nicht so viele BIPoC Menschen leben und es keine entsprechenden Angebote gibt. Wir glaubten schon damals an die Vorstellung von einer Community, die sich online stärkt.

Wie kam es dann zu der Gründung?

Stephanie: Ich habe eine Ausbildung zur Paartherapeutin gemacht und mich in diesem Zuge gefragt, wie ich meine Zielgruppe erreiche. Bei der Recherche von paartherapeutischen Angeboten fiel mir auf, dass die meisten Websites nicht ansprechend waren. Ich habe mir gedacht: Es muss doch eine Sprache und Visualität geben, welche die Themen Selbstfürsorge und –wirksamkeit für junge Menschen leicht zugänglich macht. Hieraus ist die Idee zu einer Plattform entstanden.

Auf Facebook habe ich dann Mashanti mit ihrem Beratungsangebot zur Website-Analyse entdeckt. Obwohl ich noch keine Website hatte, habe ich Mashanti angeschrieben. Sie hat sich tatsächlich zurückgemeldet und wir haben uns kurz danach getroffen. Es war ein magischer Moment, weil Mashanti total offen war. Ich war zu der Zeit frisch gebackene Mama und fühlte mich in dem Businesskontext nicht gerade selbstbewusst. Sie war sehr liebevoll und wertschätzend. Schnell war klar, dass wir super zusammen arbeiten und etwas Tolles dadurch entstehen kann. Von 2014 bis 2018 haben wir die Idee weiter ausgearbeitet. 2018 wurde „MyUrbanology“ dann gelauncht.

Was habt ihr vor „MyUrbanology“ gemacht und an welchen Projekten arbeitet ihr parallel?

Stephanie: Ich habe 11 Jahre lang im Kinder- und Jugendhilfebereich für „OPRA“ gearbeitet, einer psychologischen Beratungsstelle für Opfer rassistischer und antisemitischer Gewalt. Hauptberuflich bin ich als systemische Therapeutin und integrative Paartherapeutin tätig und biete freiberuflich rassismus-sensible Therapie und Beratung an.

Mashanti: Ich war früher in der Unternehmenskommunikation tätig. Seit sieben Jahren arbeite ich als selbstständige Kommunikationsberaterin und gebe Workshops für Unternehmen. Außerdem befasse ich mich als Meditationslehrerin mit den Schwerpunkten Teamentwicklung, Achtsamkeit und Selbstfürsorge. In diesem Rahmen habe ich eine Weiterbildung im Bereich diversitätsorientierter Organisationsentwicklung gemacht. Ich habe parallel „GesellschaftSein“ gegründet, ein soziales Unternehmen, bei dem Begegnungsformate zu den Themen Diversität, Verbundenheit und Achtsamkeit geschaffen werden.

Ihr veranstaltet regelmäßig Events. Worum geht es dabei?

Mashanti: Zum Launch unserer Plattform vor zwei Jahren haben wir unser erstes „Black Business Women Meet-Up“ gemacht. Das war ein Highlight, weil wir uns relativ spontan dazu entschieden haben, beide Ereignisse auf ein Datum zu legen. Das Event findet zweimal im Jahr in Berlin statt. Es nehmen nicht nur Berliner*innen teil, sondern es sind schon mehrfach Teilnehmer*innen aus der Schweiz und aus Österreich angereist. Wir sind immer wieder begeistert darüber, was für große Wellen das Meet-up schlägt. Die Persönlichkeiten, die dort teilnehmen, die wunderbare Vernetzung aus unterschiedlichsten Arbeitsbereichen und die tolle Atmosphäre sind atemraubend. Wir bieten auch Workshops zu den Themen Selfcare, Innerer Frieden und Meditation, sowie Achtsamkeit und Energiemanagement an.

Stephanie: Wir haben eine Facebook-Elterngruppe für Schwarze Eltern von weiß gelesenen / whitepassing Kindern. In diesem Kontext habe ich in den letzten zwei Jahren Austauschräume geschaffen. Hier geht es um Rassismuserfahrungen einzelnder Familienmitglieder. In diesem Rahmen geht es um Vernetzung. Ich habe damals selbst nach solch einem Raum gesucht und festgestellt, dass es in der DACH-Region nichts hierzu gab.

ICH DENKE BEI DEM, WAS WIR BEI „MYURBANOLOGY“ TUN, SEHR STARK AN DIE GENERATION, DIE NACH UNS KOMMT. FÜR SIE WÜRDE ICH GERNE GESELLSCHAFTLICH ETWAS BEWEGEN UND HINTERLASSEN.

Umso schöner, dass ihr diesen Raum geschaffen habt. Was treibt euch an?

Stephanie: „MyUrbanology“ ist ein Projekt, das mir gut tut. Man bewegt sich ja in vielen verschiedenen Arbeitswelten, wobei einige anstrengender sind als andere. Gerade weil „MyUrbanology“ so breitflächig angelegt ist, ist es ein Projekt, aus dem ich Kraft ziehen kann und durch das ich viele Visionen leben darf. Ich fördere und baue die Projekte mit auf, die ich mir gewünscht hätte. Deshalb entwickeln wir sie selbst, weil wir sie brauchen. Es ist noch so viel zu tun, sodass der Schaffensgeist einem viel Kraft gibt.

Mashanti: Ich denke bei dem, was wir bei „MyUrbanology“ tun, sehr stark an die Generation, die nach uns kommt. Für sie würde ich gerne gesellschaftlich etwas bewegen und hinterlassen. Ein Raum, der Selbstbestimmtheit und ein friedliches Miteinander zulässt. Hierfür die Weichen zu setzen, ist ein großes Anliegen von uns. Im Großen und Ganzen geht es mir um gesellschaftlichen Frieden. Gerade anhand der aktuellen Rassismus-Diskussionen – auch wenn sich ein großer Teil der Gesellschaft bislang nicht damit auseinandersetzen musste – wird deutlich, dass es ein Thema ist, welches uns allen Kraft raubt. Ich sehe ein riesiges Potential für viel mehr Gemeinschaft und Mitmenschlichkeit für uns alle. In unserem Rahmen möchten wir dazu beitragen, dass es eine Perspektivöffnung von allen Seiten für alle Seiten gibt.

Vor kurzem habt ihr die „Black Expert Challenge“ ins Leben gerufen. Was hat es damit auf sich?

Stephanie: Wir haben im Rahmen der „Black Expert Challenge“ Schwarze deutsche Expert*innen sichtbar gemacht, indem sie sich unter dem Hashtag #blackexpertchallenge hinsichtlich ihrer Expertise vorstellen konnten. Das Ergebnis ist eine Übersicht, die zur Vernetzung genutzt werden kann. Die Vielfältigkeit der Fachbereiche ist beeindruckend. Alle haben sich mit sehr viel Expertise und Kraft in ihr Gebiet reingearbeitet. Dies sichtbar zu machen hat vielen Menschen Kraft gegeben. Es ist eine notwendige Aktion gewesen – gerade in Anbetracht der anderen Social Media Inhalte, die zu dem Thema Rassismus aufgekommen sind.

Ich glaube, es war wohltuend, die ganze Bandbreite von uns aufzumachen und zu zeigen, dass wir nicht nur Opfer sind. Natürlich passiert viel Schlimmes, was sichtbar und besprechbar gemacht werden muss – wir wollen uns jedoch nicht darauf beschränken! Mashanti und ich haben Jahre lang überlegt, welche Themen wir wie intensiv besprechen wollen. Wir haben festgestellt, dass wir die Individualität von Schwarzen Menschen in Deutschland sichtbar machen und uns dabei nicht einengen lassen möchten von Bildern, die einige gerne von uns hätten. Wir sind keine homogen konstruierte Gruppe, auch wenn es für das Gehirn einiger Menschen praktischer zu verarbeiten wäre. Wir haben alle eine individuelle Biografie, Potenziale und Berufe. Und das wollen wir sichtbar machen. Wir freuen uns auch sehr über das positive Feedback, das wir hierzu erhalten haben. Die „Black Expert Challenge“ bietet einen schönen Gegenpol zu den derzeit zurecht diskutierten Rassismusthemen. Diese müssen besprochen werden, trotzdem bergen sie immer auch das Potenzial einer Retraumatisierung von Menschen, die Rassismuserfahrungen gemacht haben.

Mashanti, als Meditationslehrerin bringst du das Prinzip der Achtsamkeit näher. Inwiefern können Menschen, die von Rassismus betroffen sind, dieses Verfahren für sich nutzen, um davon zu profitieren?

Mashanti: Wenn wir Erfahrungen machen, die uns in unserem Selbstbild und der Frage, wer wir sein dürfen, einschränken, dann orientieren wir uns oft im Außen, um nach Indikatoren zu suchen, wie wir uns zurechtfinden können. Wir suchen oftmals im Außen nach Strategien und Bildern. Meditation ist eine Möglichkeit um die Orientierung, den Halt und die Kraft im Inneren zu finden. Das geschieht durch die Wahrnehmungsentwicklung für den eigenen Bedarf. Es hilft, sein System von emotionalen Lasten zu befreien, indem man bewusst die eigene Energie einsetzt. Man kennt es zum Beispiel aus der Situation, wenn jemand sehr wütend in den Raum kommt und diese Wut über einen rüber gestülpt wird. Wenn das eigene Energiesystem gestärkt ist, dann kann das Emotionale aus dem Außen nicht so stark auf einen wirken.

Was steht demnächst bei euch an?

Stephanie: Wie immer viel zu viel (lacht). Gerade planen wir uns eine Unterstützung mit ins Boot zu holen, damit wir noch mehr realisieren können. Der Fokus soll weiterhin auf dem Health Sektor bleiben, dabei wollen wir eine rassismuskritischere Perspektive in das Gesundheitssystem bringen. Unser Ziel ist es, dass die Versorgung von Klient*innen langfristig ausgebaut wird, sodass eine Versorgung auch dann sichergestellt werden kann, wenn das Kassensystem die Kosten nicht trägt. Es braucht mehr Sensibilität in der Gesundheitsbranche und dafür setzen wir uns weiterhin ein.

Vielen Dank, liebe Stephanie und liebe Mashanti für das Gespräch. Wir wünschen euch weiterhin viel Erfolg!

Quelle: https://femtastics.com/stories/stephanie-cuff-mashanti-alina-hodzode-myurbanology

Rassismus gehört leider auch in frühpädagogischen Einrichtungen zur Realität ■ Im nachfolgenden Interview mit Sandra Richter der Fachstelle Kinderwelten berichtet Diplom-Psychologin, Beraterin und Thera- peutin Stephanie Cuff-Schöttle aus ihrer Berufspraxis; beschreibt die Auswirkungen, die Rassismus auf junge Menschen hat; verdeutlicht die Aufgaben pädagogischer Fachkräfte bei der Gestaltung einer rassismuskriti- schen Praxis und benennt Unterstützungsstrategien und -angebote für Menschen mit Rassismuserfahrungen.

}y Noch immer wird häufig behaup- tet, dass Rassismus in pädagogischen Einrichtungen keine Rolle spielt – welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Praxis?

Im Rahmen der Fachtagung »Baustelle Inklusion 2019«, organisiert durch die Fachstelle Kinderwelten, führten meine Kollegin Sanchita Basu von ReachOut und ich Mitte letzten Jahres einen Work- shop zu genau diesem Thema durch. Die Frage, ob und inwiefern Rassismus eine

56 Rolle in pädagogischen Einrichtungen, sogar schon im Kita-Alltag der jüngsten Kinder, spielt, war dabei das tragende Element. Wir zeigten in diesem Rahmen auf, dass es eine ganze Reihe an Experi- menten und Studien1 gibt, welche ein- deutig belegen, dass schon Kinder im Alter von 3 bis 4 Jahren nicht nur Unter- schiede zwischen Menschen (z.B. unter- schiedliche Hauttöne etc.) wahrnehmen, sondern auch schon genügend an die äu- ßere Realität angepasst sind, um die real existierenden gesellschaftlichen Vorurtei- le und Stereotype bestimmten Personen- gruppen gegenüber zu erkennen, diese zu verinnerlichen und in ihre eigenen Denk- und Handlungsweisen zu integ-

}P

Stephanie Cuff-Schöttle

Diplom-Psychologin, systemisch-integrative Familien- & Paartherapeutin; Psychotherapie n.d. HPG, rassismussensible Therapie und Beratung; www.stephaniecuff.com, www.myurbanology.de

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rieren. Dazu haben wir auch das Modell des »inneren Rassismus«, entwickelt durch den Psychoanalytiker Fakhry Davids, vorgestellt, welches aus entwicklungspsy- chologischer Perspektive aufzeigt, inwie- fern sich eine innere rassistische Abwehr schon ab der frühen Kindheit etabliert. Für mich decken sich diese empirischen Ergebnisse mit den Erfahrungen aus mei- ner Praxis. Kinder, die durch die Domi- nanzgesellschaft anhand ihrer äußeren Merkmale, ihrer Religionszugehörigkeit usw. bewusst oder unbewusst als »nicht so wie wir« und als »nicht-deutsch« ein- geordnet werden, machen im Rahmen ihrer Kita- und Schullaufbahn meist un- zählige belastende Erfahrungen sowohl durch andere Kinder, als auch durch Pädagog*innen. Dabei ist es zu kurz ge- fasst, die Fülle derartiger Erfahrungen nur als Individualerfahrungen zu verste- hen, vielmehr müssen solche Erlebnisse als Kollektiverfahrungen von Kindern

of Colour und Schwarzen Kindern ein- geordnet werden. Auch Beratungsstellen, wie bspw. KiDs-Kinder vor Diskriminie- rung schützen, ReachOut, OPRA und an- dere, die für Betroffene Unterstützung anbieten, erhalten diesbezüglich unzähli- ge Beratungsanfragen und Erfahrungsbe- richte durch Eltern, Kinder und weitere erwachsene Personen, die von ihren Er- fahrungen berichten. Das von den Be- troffenen berichtete Erfahrungsspektrum reicht dabei von der alltäglichen Überbe- tonung ihres angeblichen »Anders- oder Fremdseins« und dem Überschreiten ihrer individuellen Grenzen über akti- ve Ausschlusspraktiken und rassistische Beleidigungen bis hin zu Gewalterfah- rungen. Vor allem im institutionellen Rahmen begleiten solche Erfahrungen die Eltern und Kinder meist über einen langanhaltenden Zeitraum. Zur Sprache gebrachte rassistische Diskriminierun- gen werden leider oftmals bagatellisiert

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Abb. 1: Es ist bedeutsam, dass Fachkräfte von Rassismus betroffene Kinder mit ihren Erfahrungen und Gefühlen ernstnehmen. KiTa aktuell spezial 2 | 2020

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Abb. 2: Rassistische Diskriminierungen werden leider oftmals bagatellisiert und als kindliche Streitereien abgetan.

heit im Vergleich zu weißen gleichaltrigen Kindern als niedriger einschätzen und sich im Zuge dieser Erfahrungen oftmals ange- spannt, hoffnungs- und machtlos fühlen. Dies führt den Ergebnissen nach einerseits zu vermehrten Rückzugs- und Vermei- dungsverhalten der Kinder und Jugend- lichen, oder fördert das gegenteilige Ver- halten, welches in Wut, Aggressionen und risikobereiterem Verhalten zum Ausdruck kommen kann. Eine Vielzahl der belegten Auswirkungen auf die psychische als auch physische Gesundheit decken sich mit den Schilderungen der Betroffenen, die ich im Rahmen meiner Arbeitskontexte höre. Als gleichermaßen oder teilweise als noch mehr belastet erlebe ich auch die betroffe- nen Eltern, die nicht selten durch die Er- lebnisse ihrer Kinder selbst eine Art Retrau- matisierung erleben, wenn auch sie (früher) von rassistischer Diskriminierung bis hin zur Gewalt betroffen waren. Schuldgefüh- le, ihre Kinder nicht ausreichend schützen zu können, Unsicherheit über die eigene Wahrnehmung von Situationen, Hilflosig- keit und Ohnmachtsgefühle sind häufig die Folge. Natürlich gibt es auch Eltern und Kinder, die sehr resilient sind, sich deutlich weniger belastet fühlen und keine Symptome entwickeln. Dennoch darf aus meiner Perspektive das Extra an aufgewen- deter Energie, um Anpassungs- und Über- lebensstrategien in solchen Kontexten zu entwickeln, nicht aus dem Blick geraten.

}y Was sind die Aufgaben pädago- gischer Fachkräfte bei der Gestaltung einer rassismuskritischen Praxis?

Die Entwicklung einer rassismuskriti- schen Praxis muss als ein fortlaufender Prozess auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Studienergebnisse zeigen auf, dass die Benachteiligung von Schwarzen Kin- dern und Kindern of Colour im Bildungs- system, neben den Erfahrungen mit alltäg- lichem Rassismus, insbesondere aufgrund von institutionellem Rassismus besteht. Das bedeutet, dass schon die in der Organi- sation verankerte Struktur, grundlegende Haltungen und Wertvorstellungen und die daraus resultierende Handlungsma- xime oftmals ausschließend wirken. Dies beinhaltet meines Erachtens auch den rassismuskritischen Blick auf das eigene Personalauswahlverfahren in Bezug auf Repräsentation zu richten und zu reflek- tieren, ob und inwieweit auch Kolleg*in- nen im eigenen Team durch die beschrie-

und als kindliche Streitereien abgetan – die ersehnte Unterstützung bleibt somit häufig aus. Nicht selten kommt es zur Opfer-Täter-Umkehr, was das Gefühl von Hilflosigkeit der Betroffenen oft massiv verstärkt. Schwarzen Kindern und Kin- dern of Colour werden meiner Erfah- rung nach bei Gegenwehr, aber auch bei oftmals gleichem Verhalten, negativere Motive und mehr Aggressionspotential unterstellt, als dies gegenüber weißen Kindern im selben Kontext der Fall ist.

Mir ist es in Bezug auf dieses Thema aber auch immer ein großes Anliegen, etwas auszuholen und die Frage um die Perspektive zu erweitern, welche Rolle Ras- sismus eigentlich insgesamt im Alltag von Kita- und Schulkindern und deren Eltern spielt. Pädagogische Einrichtungen sind ein sehr prägender, gleichzeitig aber »nur« ein weiterer Raum, in welchem besagte Kinder und Jugendliche derartige Erfah- rungen machen. Im Zuge meiner Arbeit bei OPRA habe ich letztes Jahr einen Ar- tikel verfasst,2 in dem ich davon berichte, dass Kinder und Jugendliche auch im öf- fentlichen Raum, in ihren alltäglichen und als sicher empfundenen Umgebungen, wie bspw. auf Spielplätzen, an Bushalte- stellen oder in Kaufhäusern zunehmend rassistisch motivierten Angriffen ausgesetzt sind oder diese oftmals als Zeug*innen bei ihren Angehörigen oder Freund*innen miterleben. Auf den ersten Blick scheint dies zwar weniger dramatisch, aber kumu- liert gleichermaßen belastend, sind besag- te Kinder und deren Bezugspersonen in vielerlei Kontexten von Alltagsrassismus in Form rassistischer Mikroaggressionen3 betroffen. Wollen wir uns mit dem Bedarf

nach einer rassismuskritischen Qualitäts- entwicklung und den Auswirkungen der gemachten Erfahrungen in pädagogischen Einrichtungen auf diese sehr widerstands- fähige, aber auch sehr vulnerable Gruppe von betroffenen Eltern und deren Kindern auseinandersetzen, müssen potentielle Be- lastungen in den verschiedensten Kontex- ten mitgedacht, anerkannt und im Um- gang mit beschriebenen Situationen mit in Rechnung genommen werden.

}y Welche Auswirkungen hat Rassis- mus auf junge Menschen?
Ein Blick auf die mittlerweile umfassende

internationale Forschungsliteratur zeigt unumstritten, dass rassistische Diskrimi- nierung als deutlicher Risikofaktor für die Gesundheit von Schwarzen Kindern und Kindern of Colour betrachtet werden kann. So zeigt bspw. schon die Forschungs- gruppe um Sanders-Philips aus dem Jahre 2009 auf, dass erlebte Rassismuserfahrun- gen das Stressniveau und somit den Korti- solspiegel derart anheben können, dass so- wohl kurz- als auch langfristige Beeinträch- tigungen auf das Herz-Kreislaufsystem und das Immunsystem entstehen können. Dass durch derartige Erfahrungen hervor- gerufenen Stressreaktionen auch die Ent- stehung von Depressionen, Angststörun- gen und psychosomatischen Störungen bei Schwarzen Menschen und People of Co- lour begünstigen, wurde ebenfalls zahlreich belegt. Es gibt eine Reihe weiterer großer Überblicksarbeiten, welche zudem auf- zeigen, dass sich von Rassismus betroffene Kinder und Jugendliche deutlich häufiger als wenig selbstwirksam erleben, weniger selbstbewusst sind, ihre Lebenszufrieden-

INTERVIEW // RASSISMUS IN DER KITA Q}

KiTa aktuell spezial 2 | 2020

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#PP INTERVIEW // RASSISMUS IN DER KITA

benen Strukturen negativ betroffen sind. Die Bereitschaft, auf Veränderungen im pädagogischen Handeln und auf struktu- reller Ebene hinzuarbeiten, sollte deshalb als erster entscheidender Schritt durch die Inanspruchnahme professioneller Qualifi- zierungsmaßnahmen erfolgen.

Gelingt es den Handlungsakteur*in- nen der Einrichtungen, ein breites Ver- ständnis für die verschiedenen Erschei- nungsformen von Diskriminierungen und Rassismus und deren Auswirkun- gen auf Betroffene – unter Anbetracht der verschiedenen Lebensrealitäten von Bezugspersonen und Kindern – zu ent- wickeln, ist ein wichtiges Fundament dafür gelegt, Rassismus weniger als Indi- vidualerfahrung, als vielmehr im Kontext historischer und gesamtgesellschaftlicher Strukturen zu verstehen. Bestenfalls ent- steht dadurch die dringend notwendige Offenheit, eine rassismussensible und an- nehmende Gesprächs- und Beteiligungs- kultur zu etablieren, welche die Erfah- rungen und Perspektiven von betroffenen Eltern und Kindern als Ressourcen wahr- nimmt und diese nicht aus Angst, Schuld oder anderen Motiven heraus abwehren und negieren muss. Eine vertrauensvolle Basis, in welcher sich betroffene Familien und Kinder äußern und beteiligen kön- nen, setzt voraus, dass die Einrichtung und die handelnden Akteur*innen im Falle konkreter Anlässe bereit sind, un- aufgeregt aber bestimmt zu reagieren, um sicherheitsstiftende Maßnahmen zur Ver- meidung weiterer Vorfälle umzusetzen.

}y An wen kann ich mich wenden, wenn ich Rassismus in Kitas erlebe und mir Unterstützung wünsche?
Sind Kinder im Kita-Alltag von Rassis- mus betroffen, ist es besonders wichtig, einfühlsam auf das Kind und ggf. auf die besorgten Bezugspersonen einzugehen

und seine*ihre gemachten Erfahrungen anzuerkennen und die eigenen Reak- tionen darauf zu normalisieren – unab- hängig davon, ob schon ein Schutzkon- zept erarbeitet wurde oder das Gefühl der Hilflosigkeit noch im Raum steht. Denn vor allem die von außen erlebte Invalidierung4 der eigenen Wahrneh- mung und die fehlende Unterstützung der Pädagog*innen als primäre Bezugs- personen im Kita-Alltag haben einen großen Einfluss darauf, wie belastend das Kind derartige Erfahrungen erlebt. Um sich als Kinder, Eltern und als Pä- dagog*innen bei der Lösungssuche und/

oder Ver- und
fahrungen im
zen zu lassen,
Einrichtungen
kostenlos und
anonym Beratung anbieten. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit möch- te ich in dem Zusammenhang auf die Beratungsstellen KIDs-Kinder vor Dis- kriminierung schützen5 (Fachstelle Kinderwelten), OPRA (Psychologische Beratungsstelle für Opfer rechtsextre- mer, rassistischer und antisemitischer Gewalt),6 ReachOut (Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus)7 und EOTO (Antidiskriminierungsberatung für Schwarze, Afrikanische und Afrodia- sporische Menschen in Berlin)8 verwei- sen, die sich auf vielerlei Ebenen unter- stützend und parteilich einbringen.

Quelle: https://www.eltern-helfen-eltern.org/service/KiTa-Spezial-Rassismus-190620.pdf

Artikel veröffentlicht bei femtastics.com.

BIPoC (Black, Indigenous People of Color) sehen sich in einer weißen Mehrheitsgesellschaft oftmals mit Fremdzuschreibungen konfrontiert, mit denen sie sich nicht identifizieren. „MyUrbanology“ – eine 2018 gegründete Onlineplattform für BIPoC Perspektiven – greift genau diese Problematik auf. Die 38-jährige Psychologin Stephanie Cuff Schöttle und die 37-jährige Kommunikationsexpertin Mashanti Alina Hodzode haben es sich zur Aufgabe gemacht, Schwarze Menschen in ihrer Heterogenität und Individualität darzustellen. Dabei ist es ihnen besonders wichtig, die Selbstwirksamkeit ihrer Leser*innen zu stärken. Hierfür stellen sie ausgewählte Angebote aus den Bereichen Health, Lifestyle, Business und Books für Erwachsene und Kinder vor. Auch offline treiben die zwei Gründerinnen die Vernetzung Schwarzer Menschen und People of Color in Deutschland mit ihren Veranstaltungen und Workshops voran. Wir haben mit den zwei Wahlberlinerinnen darüber gesprochen, warum Selfcare nicht erst am Ende des Tunnels relevant, sondern Teil des Alltags sein sollte, wie sie zu einem selbstbestimmten Leben inspirieren und woher die beiden ihre Motivation ziehen.

WIR BETRACHTEN DEN RASSISMUS ALS STRUKTURELL. DAS HEISST, DASS ER IN VIELEN LEBENSBEREICHEN VERANKERT IST. ER HAT ÜBERALL SEINE FINGER MIT DRIN UND WIRKT MAL MEHR UND MAL WENIGER BEWUSST

femtastics: Wie schätzt ihr die Präsenz und Bedeutung von Rassismus in Deutschland ein?

Mashanti: Aktuell hat das Thema durch die Medienberichterstattung unglaublich viel Aufmerksamkeit bekommen. Was nicht heißt, dass Rassismus vorher nicht schon in der gleichen Ausgeprägtheit präsent war. Wir betrachten den Rassismus als strukturell. Das heißt, dass er in vielen Lebensbereichen verankert ist. Er hat überall seine Finger mit drin und wirkt mal mehr und mal weniger bewusst. Das ist es, was es so tricky macht. Dass Rassismus in vielen Bereichen Wirkung hat, wird durch die aktuelle Situation auch für die Menschen, die sich bisher noch nicht so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, deutlicher.

FÜR DIE PERSONEN, DIE IM BERATERISCHEN KONTEXT ZU MIR KOMMEN, STELLT SICH NICHT DIE FRAGE, OB RASSISMUS VORHANDEN IST, SONDERN WIE LANGE SIE ES NOCH DAMIT AUSHALTEN.

Stephanie: In meiner Arbeit sehe ich eine große Bandbreite an Themen, die mit Rassismuserfahrungen zusammenhängen. Für die Personen, die im beraterischen Kontext zu mir kommen, stellt sich nicht die Frage, ob Rassismus vorhanden ist, sondern wie lange sie es noch damit aushalten. Dabei gibt es Menschen, die reflektieren können, was ihnen passiert und wie sie dies wiederum einordnen wollen. Und es gibt natürlich auch Menschen, die Rassismuserfahrungen machen, die das für sich anders interpretieren. Es gibt eine große Palette an Erfahrungen, die keine Individual-, sondern Kollektiverfahrungen sind. Das können sehr viele Menschen in unserem Land unterschreiben. Bei meiner Arbeit ist es das Ziel, die Selbstwirksamkeit zu stärken um einen selbstbestimmteren Umgang für sich mit den gemachten und zukünftigen Erfahrungen dieser Art zu finden. Das Traumatische am Rassismus ist, dass Menschen ihm mit maximaler Hilflosigkeit gegenüberstehen. Egal wie sehr man sich angestrengt hat und angepasst verhält, man kann auf die Entwertungen, die gemacht werden, zurückgeworfen werden. Gefühle wie Angst, Hoffnungslosigkeit und reduzierte Selbstwirksamkeit können aus rassistischen Diskriminierungen resultieren und bei Erwachsenen und Kindern Wunden hinterlassen, die Heilung bedürfen.

Ihr befasst euch auch mit Rassismus in Kontexten, in denen Menschen selbst nicht davon betroffen sind.

Mashanti: Genau, der Kraft- und Energieverlust passiert nicht nur auf Opfer-, sondern auch auf Täter*innenseite. Die aktuelle Veränderungsbereitschaft ist eine Chance. Und damit meine ich nicht nur sich sogenannte Leidensgeschichten anzuhören. Das Ziel ist es, die eigene Perspektive auf die Welt und die Menschen zu öffnen, dabei kritisch zu reflektieren und die Gesellschaft weniger rassistisch mitzugestalten.

Stephanie: Ich habe vor Kurzem einen Workshop für weiße Therapeut*innen gehalten, bei dem es um die Frage ging: „Wie können wir reflektierter und rassismuskritischer bei der Arbeit sein?“. Gemeinsam haben wir die Auswirkungen für uns alle reflektiert, denn gerade bei weißen Therapeut*innen spielen Schuld und Scham in diesem Kontext eine Rolle. Dies wiederum versperrt Zugänge offen zu sein und in Beziehung zu gehen. Sobald das Thema Rassismus aufkommt, gehen Menschen oft aus Beziehungen heraus. Unser Ziel ist es, dies besprechbar zu machen und sich anzuschauen, welchen Impact es auf uns alle hat.

VIELE MENSCHEN HABEN AUFGRUND DER AKTUELLEN RASSISTISCH MOTIVIERTEN EREIGNISSE VERSTÄRKT DAS GEFÜHL, MEHR SELFCARE BETREIBEN ZU WOLLEN UND ZU MÜSSEN.

Selbstfürsorge und – wirksamkeit zu fördern ist euch ein wichtiges Anliegen. Wie setzt ihr das bei „MyUrbanology“ um?

Stephanie: Gerade Schwarze Menschen sehen sich oft mit Fremdzuschreibungen konfrontiert. Fragen danach, wie sie selbst ihr Narrativ bestimmen und ihr Leben aktiv mitgestalten können, möchten wir mit unserer Arbeit auffangen. Wir möchten den Menschen verschiedene Optionen aufzeigen, die sie stärken können. Von Literatur, bis hin zu Gruppentreffen, die dabei helfen gut vernetzt und selbstbestimmter durchs Leben zu gehen.

Mashanti: Gerade beim Thema Selbstfürsorge ist es wichtig, überhaupt erst einmal eine Wahrnehmung hierfür zu entwickeln. Die ersten Schritte sind hier herauszufinden, was einem gut tut und woran man erkennt, was man braucht.

Stephanie: Und sich das dann auch zu erlauben. Das ist unser Ziel mit „MyUrbanology“ – die Leute zu ermutigen, sich mit der eigenen Fürsorge auseinanderzusetzen. Viele Menschen haben aufgrund der aktuellen rassistisch motivierten Ereignisse verstärkt das Gefühl, mehr Selfcare betreiben zu wollen und zu müssen.

Mashanti: Die meisten Personen, die an den Selfcare Workshops teilnehmen, fühlen sich in ihrem Arbeitsumfeld als Person of Color oftmals alleine mit gewissen Erfahrungen, die sie machen. Basierend darauf wünschen sie sich einen Raum, in dem sie sich mit anderen austauschen können. Sie suchen nach Möglichkeiten einen guten Umgang mit den Dingen, die sie im Außen erfahren, zu finden. Zum Beispiel, um nicht in Aggressivität verweilen zu müssen. Viele wünschen sich auch, Diskriminierungserfahrungen nicht so lange mit sich rumtragen zu müssen.

Wie seid ihr zu dem Namen „MyUrbanology“ gekommen und wofür steht er?

Stephanie: Ich hatte die Idee, Angebote im psycho-sozialen Sektor mit Themen des alltäglichen Lebens zusammen zu bringen und auf einer Plattform sichtbar zu machen. Oftmals besteht nach wie vor ein Stigma, das psycho-soziale Angebote erst am Ende des Tunnels angenommen werden. Ich dachte mir: Das ist doch Quatsch. Persönlichkeitsentwicklung und sich selbst reflektieren zu wollen, gehört zum täglichen Leben genauso dazu wie zum Friseur zu gehen. Und ebenso sichtbar sollten auch Angebote in diesem Bereich sein.

Das „Urban“ in „MyUrbanology“ steht für das Junge und Moderne. Wir sind zwei Schwarze Frauen, die in der Stadt leben und die Möglichkeit haben, sich Angebote zu schaffen und bereits vorhandene wahrzunehmen. Hinsichtlich der von uns verwendeten Sprache war es uns wichtig, den Health Sektor so zu repräsentieren, dass wir uns selbst davon angesprochen fühlen. Das „My“ in dem Namen steht für Selbstbestimmung und die Vorstellung, sich aktiv Dinge in sein Leben zu holen, die einem gut tun. „MyUrbanology“ steht also für das selbstbestimmte Großstadtleben mit allen Themen, die uns bewegen.

UNS GEHT ES DARUM ANGEBOTE ABZUBILDEN, VON DENEN MENSCHEN VIELLEICHT NOCH GAR NICHT WUSSTEN, DASS SIE IHNEN HELFEN KÖNNEN.

Ihr habt ein vielfältiges Angebot von Events über Interviews mit verschiedenen Persönlichkeiten bis hin zu Artikeln und Empfehlungen. Wo liegt dabei euer Hauptfokus?

Stephanie: Health steht hinter allen Themen, es ist der Hauptfokus unserer Arbeit. In allen Formaten – unabhängig von der Thematik – geht es letztlich darum wie wir uns gegenseitig stärken können. Wie können wir unsere eigenen Ressourcen aktivieren? Wie können wir unsere Individualität leben und wertschätzen?

Mashanti: Und natürlich auch die seelische Gesundheit. Stephanie und ich haben einen sehr ähnlichen Blick darauf, was es bedeutet, selbstbestimmt das eigene Leben zu gestalten. Es geht darum wahrzunehmen, was man braucht und was einem guttut. Das lässt sich zum Teil natürlich über Therapien, Meditation und Beratung abdecken. Uns geht es darum Angebote abzubilden, von denen Menschen vielleicht noch gar nicht wussten, dass sie ihnen helfen können.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Onlineplattform für BIPoC zu gründen?

Mashanti: Stephanie hatte die Idee zu der Plattform schon in der Tasche, als wir uns 2014 kennenlernten. Zu dem Zeitpunkt war ich selbstständig in der Marketingberatung tätig. Wir haben uns auf Anhieb total gut verstanden. Auch in die Idee habe ich mich sofort verliebt. Anstatt sie diesbezüglich weiter zu beraten, haben wir beschlossen, das Vorhaben gemeinsam umzusetzen. Es war von Anfang an klar, dass es eine Online-Plattform sein soll. Uns war es wichtig, dass es zum einen zeitgemäß und zum anderen zugänglich ist. Auch wenn wir einen urbanen Style und Großstadtflair kommunizieren wollen, haben wir auch an viele Menschen gedacht, die in Orten leben, in denen nicht so viele BIPoC Menschen leben und es keine entsprechenden Angebote gibt. Wir glaubten schon damals an die Vorstellung von einer Community, die sich online stärkt.

Wie kam es dann zu der Gründung?

Stephanie: Ich habe eine Ausbildung zur Paartherapeutin gemacht und mich in diesem Zuge gefragt, wie ich meine Zielgruppe erreiche. Bei der Recherche von paartherapeutischen Angeboten fiel mir auf, dass die meisten Websites nicht ansprechend waren. Ich habe mir gedacht: Es muss doch eine Sprache und Visualität geben, welche die Themen Selbstfürsorge und –wirksamkeit für junge Menschen leicht zugänglich macht. Hieraus ist die Idee zu einer Plattform entstanden.

Auf Facebook habe ich dann Mashanti mit ihrem Beratungsangebot zur Website-Analyse entdeckt. Obwohl ich noch keine Website hatte, habe ich Mashanti angeschrieben. Sie hat sich tatsächlich zurückgemeldet und wir haben uns kurz danach getroffen. Es war ein magischer Moment, weil Mashanti total offen war. Ich war zu der Zeit frisch gebackene Mama und fühlte mich in dem Businesskontext nicht gerade selbstbewusst. Sie war sehr liebevoll und wertschätzend. Schnell war klar, dass wir super zusammen arbeiten und etwas Tolles dadurch entstehen kann. Von 2014 bis 2018 haben wir die Idee weiter ausgearbeitet. 2018 wurde „MyUrbanology“ dann gelauncht.

Was habt ihr vor „MyUrbanology“ gemacht und an welchen Projekten arbeitet ihr parallel?

Stephanie: Ich habe 11 Jahre lang im Kinder- und Jugendhilfebereich für „OPRA“ gearbeitet, einer psychologischen Beratungsstelle für Opfer rassistischer und antisemitischer Gewalt. Hauptberuflich bin ich als systemische Therapeutin und integrative Paartherapeutin tätig und biete freiberuflich rassismus-sensible Therapie und Beratung an.

Mashanti: Ich war früher in der Unternehmenskommunikation tätig. Seit sieben Jahren arbeite ich als selbstständige Kommunikationsberaterin und gebe Workshops für Unternehmen. Außerdem befasse ich mich als Meditationslehrerin mit den Schwerpunkten Teamentwicklung, Achtsamkeit und Selbstfürsorge. In diesem Rahmen habe ich eine Weiterbildung im Bereich diversitätsorientierter Organisationsentwicklung gemacht. Ich habe parallel „GesellschaftSein“ gegründet, ein soziales Unternehmen, bei dem Begegnungsformate zu den Themen Diversität, Verbundenheit und Achtsamkeit geschaffen werden.

Ihr veranstaltet regelmäßig Events. Worum geht es dabei?

Mashanti: Zum Launch unserer Plattform vor zwei Jahren haben wir unser erstes „Black Business Women Meet-Up“ gemacht. Das war ein Highlight, weil wir uns relativ spontan dazu entschieden haben, beide Ereignisse auf ein Datum zu legen. Das Event findet zweimal im Jahr in Berlin statt. Es nehmen nicht nur Berliner*innen teil, sondern es sind schon mehrfach Teilnehmer*innen aus der Schweiz und aus Österreich angereist. Wir sind immer wieder begeistert darüber, was für große Wellen das Meet-up schlägt. Die Persönlichkeiten, die dort teilnehmen, die wunderbare Vernetzung aus unterschiedlichsten Arbeitsbereichen und die tolle Atmosphäre sind atemraubend. Wir bieten auch Workshops zu den Themen Selfcare, Innerer Frieden und Meditation, sowie Achtsamkeit und Energiemanagement an.

Stephanie: Wir haben eine Facebook-Elterngruppe für Schwarze Eltern von weiß gelesenen / whitepassing Kindern. In diesem Kontext habe ich in den letzten zwei Jahren Austauschräume geschaffen. Hier geht es um Rassismuserfahrungen einzelnder Familienmitglieder. In diesem Rahmen geht es um Vernetzung. Ich habe damals selbst nach solch einem Raum gesucht und festgestellt, dass es in der DACH-Region nichts hierzu gab.

ICH DENKE BEI DEM, WAS WIR BEI „MYURBANOLOGY“ TUN, SEHR STARK AN DIE GENERATION, DIE NACH UNS KOMMT. FÜR SIE WÜRDE ICH GERNE GESELLSCHAFTLICH ETWAS BEWEGEN UND HINTERLASSEN.

Umso schöner, dass ihr diesen Raum geschaffen habt. Was treibt euch an?

Stephanie: „MyUrbanology“ ist ein Projekt, das mir gut tut. Man bewegt sich ja in vielen verschiedenen Arbeitswelten, wobei einige anstrengender sind als andere. Gerade weil „MyUrbanology“ so breitflächig angelegt ist, ist es ein Projekt, aus dem ich Kraft ziehen kann und durch das ich viele Visionen leben darf. Ich fördere und baue die Projekte mit auf, die ich mir gewünscht hätte. Deshalb entwickeln wir sie selbst, weil wir sie brauchen. Es ist noch so viel zu tun, sodass der Schaffensgeist einem viel Kraft gibt.

Mashanti: Ich denke bei dem, was wir bei „MyUrbanology“ tun, sehr stark an die Generation, die nach uns kommt. Für sie würde ich gerne gesellschaftlich etwas bewegen und hinterlassen. Ein Raum, der Selbstbestimmtheit und ein friedliches Miteinander zulässt. Hierfür die Weichen zu setzen, ist ein großes Anliegen von uns. Im Großen und Ganzen geht es mir um gesellschaftlichen Frieden. Gerade anhand der aktuellen Rassismus-Diskussionen – auch wenn sich ein großer Teil der Gesellschaft bislang nicht damit auseinandersetzen musste – wird deutlich, dass es ein Thema ist, welches uns allen Kraft raubt. Ich sehe ein riesiges Potential für viel mehr Gemeinschaft und Mitmenschlichkeit für uns alle. In unserem Rahmen möchten wir dazu beitragen, dass es eine Perspektivöffnung von allen Seiten für alle Seiten gibt.

Vor kurzem habt ihr die „Black Expert Challenge“ ins Leben gerufen. Was hat es damit auf sich?

Stephanie: Wir haben im Rahmen der „Black Expert Challenge“ Schwarze deutsche Expert*innen sichtbar gemacht, indem sie sich unter dem Hashtag #blackexpertchallenge hinsichtlich ihrer Expertise vorstellen konnten. Das Ergebnis ist eine Übersicht, die zur Vernetzung genutzt werden kann. Die Vielfältigkeit der Fachbereiche ist beeindruckend. Alle haben sich mit sehr viel Expertise und Kraft in ihr Gebiet reingearbeitet. Dies sichtbar zu machen hat vielen Menschen Kraft gegeben. Es ist eine notwendige Aktion gewesen – gerade in Anbetracht der anderen Social Media Inhalte, die zu dem Thema Rassismus aufgekommen sind.

Ich glaube, es war wohltuend, die ganze Bandbreite von uns aufzumachen und zu zeigen, dass wir nicht nur Opfer sind. Natürlich passiert viel Schlimmes, was sichtbar und besprechbar gemacht werden muss – wir wollen uns jedoch nicht darauf beschränken! Mashanti und ich haben Jahre lang überlegt, welche Themen wir wie intensiv besprechen wollen. Wir haben festgestellt, dass wir die Individualität von Schwarzen Menschen in Deutschland sichtbar machen und uns dabei nicht einengen lassen möchten von Bildern, die einige gerne von uns hätten. Wir sind keine homogen konstruierte Gruppe, auch wenn es für das Gehirn einiger Menschen praktischer zu verarbeiten wäre. Wir haben alle eine individuelle Biografie, Potenziale und Berufe. Und das wollen wir sichtbar machen. Wir freuen uns auch sehr über das positive Feedback, das wir hierzu erhalten haben. Die „Black Expert Challenge“ bietet einen schönen Gegenpol zu den derzeit zurecht diskutierten Rassismusthemen. Diese müssen besprochen werden, trotzdem bergen sie immer auch das Potenzial einer Retraumatisierung von Menschen, die Rassismuserfahrungen gemacht haben.

Mashanti, als Meditationslehrerin bringst du das Prinzip der Achtsamkeit näher. Inwiefern können Menschen, die von Rassismus betroffen sind, dieses Verfahren für sich nutzen, um davon zu profitieren?

Mashanti: Wenn wir Erfahrungen machen, die uns in unserem Selbstbild und der Frage, wer wir sein dürfen, einschränken, dann orientieren wir uns oft im Außen, um nach Indikatoren zu suchen, wie wir uns zurechtfinden können. Wir suchen oftmals im Außen nach Strategien und Bildern. Meditation ist eine Möglichkeit um die Orientierung, den Halt und die Kraft im Inneren zu finden. Das geschieht durch die Wahrnehmungsentwicklung für den eigenen Bedarf. Es hilft, sein System von emotionalen Lasten zu befreien, indem man bewusst die eigene Energie einsetzt. Man kennt es zum Beispiel aus der Situation, wenn jemand sehr wütend in den Raum kommt und diese Wut über einen rüber gestülpt wird. Wenn das eigene Energiesystem gestärkt ist, dann kann das Emotionale aus dem Außen nicht so stark auf einen wirken.

Was steht demnächst bei euch an?

Stephanie: Wie immer viel zu viel (lacht). Gerade planen wir uns eine Unterstützung mit ins Boot zu holen, damit wir noch mehr realisieren können. Der Fokus soll weiterhin auf dem Health Sektor bleiben, dabei wollen wir eine rassismuskritischere Perspektive in das Gesundheitssystem bringen. Unser Ziel ist es, dass die Versorgung von Klient*innen langfristig ausgebaut wird, sodass eine Versorgung auch dann sichergestellt werden kann, wenn das Kassensystem die Kosten nicht trägt. Es braucht mehr Sensibilität in der Gesundheitsbranche und dafür setzen wir uns weiterhin ein.

Vielen Dank, liebe Stephanie und liebe Mashanti für das Gespräch. Wir wünschen euch weiterhin viel Erfolg!

Quelle: https://femtastics.com/stories/stephanie-cuff-mashanti-alina-hodzode-myurbanology

Rassismus gehört leider auch in frühpädagogischen Einrichtungen zur Realität ■ Im nachfolgenden Interview mit Sandra Richter der Fachstelle Kinderwelten berichtet Diplom-Psychologin, Beraterin und Thera- peutin Stephanie Cuff-Schöttle aus ihrer Berufspraxis; beschreibt die Auswirkungen, die Rassismus auf junge Menschen hat; verdeutlicht die Aufgaben pädagogischer Fachkräfte bei der Gestaltung einer rassismuskriti- schen Praxis und benennt Unterstützungsstrategien und -angebote für Menschen mit Rassismuserfahrungen.

}y Noch immer wird häufig behaup- tet, dass Rassismus in pädagogischen Einrichtungen keine Rolle spielt – welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Praxis?

Im Rahmen der Fachtagung »Baustelle Inklusion 2019«, organisiert durch die Fachstelle Kinderwelten, führten meine Kollegin Sanchita Basu von ReachOut und ich Mitte letzten Jahres einen Work- shop zu genau diesem Thema durch. Die Frage, ob und inwiefern Rassismus eine

56 Rolle in pädagogischen Einrichtungen, sogar schon im Kita-Alltag der jüngsten Kinder, spielt, war dabei das tragende Element. Wir zeigten in diesem Rahmen auf, dass es eine ganze Reihe an Experi- menten und Studien1 gibt, welche ein- deutig belegen, dass schon Kinder im Alter von 3 bis 4 Jahren nicht nur Unter- schiede zwischen Menschen (z.B. unter- schiedliche Hauttöne etc.) wahrnehmen, sondern auch schon genügend an die äu- ßere Realität angepasst sind, um die real existierenden gesellschaftlichen Vorurtei- le und Stereotype bestimmten Personen- gruppen gegenüber zu erkennen, diese zu verinnerlichen und in ihre eigenen Denk- und Handlungsweisen zu integ-

}P

Stephanie Cuff-Schöttle

Diplom-Psychologin, systemisch-integrative Familien- & Paartherapeutin; Psychotherapie n.d. HPG, rassismussensible Therapie und Beratung; www.stephaniecuff.com, www.myurbanology.de

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rieren. Dazu haben wir auch das Modell des »inneren Rassismus«, entwickelt durch den Psychoanalytiker Fakhry Davids, vorgestellt, welches aus entwicklungspsy- chologischer Perspektive aufzeigt, inwie- fern sich eine innere rassistische Abwehr schon ab der frühen Kindheit etabliert. Für mich decken sich diese empirischen Ergebnisse mit den Erfahrungen aus mei- ner Praxis. Kinder, die durch die Domi- nanzgesellschaft anhand ihrer äußeren Merkmale, ihrer Religionszugehörigkeit usw. bewusst oder unbewusst als »nicht so wie wir« und als »nicht-deutsch« ein- geordnet werden, machen im Rahmen ihrer Kita- und Schullaufbahn meist un- zählige belastende Erfahrungen sowohl durch andere Kinder, als auch durch Pädagog*innen. Dabei ist es zu kurz ge- fasst, die Fülle derartiger Erfahrungen nur als Individualerfahrungen zu verste- hen, vielmehr müssen solche Erlebnisse als Kollektiverfahrungen von Kindern

of Colour und Schwarzen Kindern ein- geordnet werden. Auch Beratungsstellen, wie bspw. KiDs-Kinder vor Diskriminie- rung schützen, ReachOut, OPRA und an- dere, die für Betroffene Unterstützung anbieten, erhalten diesbezüglich unzähli- ge Beratungsanfragen und Erfahrungsbe- richte durch Eltern, Kinder und weitere erwachsene Personen, die von ihren Er- fahrungen berichten. Das von den Be- troffenen berichtete Erfahrungsspektrum reicht dabei von der alltäglichen Überbe- tonung ihres angeblichen »Anders- oder Fremdseins« und dem Überschreiten ihrer individuellen Grenzen über akti- ve Ausschlusspraktiken und rassistische Beleidigungen bis hin zu Gewalterfah- rungen. Vor allem im institutionellen Rahmen begleiten solche Erfahrungen die Eltern und Kinder meist über einen langanhaltenden Zeitraum. Zur Sprache gebrachte rassistische Diskriminierun- gen werden leider oftmals bagatellisiert

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Abb. 1: Es ist bedeutsam, dass Fachkräfte von Rassismus betroffene Kinder mit ihren Erfahrungen und Gefühlen ernstnehmen. KiTa aktuell spezial 2 | 2020

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Abb. 2: Rassistische Diskriminierungen werden leider oftmals bagatellisiert und als kindliche Streitereien abgetan.

heit im Vergleich zu weißen gleichaltrigen Kindern als niedriger einschätzen und sich im Zuge dieser Erfahrungen oftmals ange- spannt, hoffnungs- und machtlos fühlen. Dies führt den Ergebnissen nach einerseits zu vermehrten Rückzugs- und Vermei- dungsverhalten der Kinder und Jugend- lichen, oder fördert das gegenteilige Ver- halten, welches in Wut, Aggressionen und risikobereiterem Verhalten zum Ausdruck kommen kann. Eine Vielzahl der belegten Auswirkungen auf die psychische als auch physische Gesundheit decken sich mit den Schilderungen der Betroffenen, die ich im Rahmen meiner Arbeitskontexte höre. Als gleichermaßen oder teilweise als noch mehr belastet erlebe ich auch die betroffe- nen Eltern, die nicht selten durch die Er- lebnisse ihrer Kinder selbst eine Art Retrau- matisierung erleben, wenn auch sie (früher) von rassistischer Diskriminierung bis hin zur Gewalt betroffen waren. Schuldgefüh- le, ihre Kinder nicht ausreichend schützen zu können, Unsicherheit über die eigene Wahrnehmung von Situationen, Hilflosig- keit und Ohnmachtsgefühle sind häufig die Folge. Natürlich gibt es auch Eltern und Kinder, die sehr resilient sind, sich deutlich weniger belastet fühlen und keine Symptome entwickeln. Dennoch darf aus meiner Perspektive das Extra an aufgewen- deter Energie, um Anpassungs- und Über- lebensstrategien in solchen Kontexten zu entwickeln, nicht aus dem Blick geraten.

}y Was sind die Aufgaben pädago- gischer Fachkräfte bei der Gestaltung einer rassismuskritischen Praxis?

Die Entwicklung einer rassismuskriti- schen Praxis muss als ein fortlaufender Prozess auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Studienergebnisse zeigen auf, dass die Benachteiligung von Schwarzen Kin- dern und Kindern of Colour im Bildungs- system, neben den Erfahrungen mit alltäg- lichem Rassismus, insbesondere aufgrund von institutionellem Rassismus besteht. Das bedeutet, dass schon die in der Organi- sation verankerte Struktur, grundlegende Haltungen und Wertvorstellungen und die daraus resultierende Handlungsma- xime oftmals ausschließend wirken. Dies beinhaltet meines Erachtens auch den rassismuskritischen Blick auf das eigene Personalauswahlverfahren in Bezug auf Repräsentation zu richten und zu reflek- tieren, ob und inwieweit auch Kolleg*in- nen im eigenen Team durch die beschrie-

und als kindliche Streitereien abgetan – die ersehnte Unterstützung bleibt somit häufig aus. Nicht selten kommt es zur Opfer-Täter-Umkehr, was das Gefühl von Hilflosigkeit der Betroffenen oft massiv verstärkt. Schwarzen Kindern und Kin- dern of Colour werden meiner Erfah- rung nach bei Gegenwehr, aber auch bei oftmals gleichem Verhalten, negativere Motive und mehr Aggressionspotential unterstellt, als dies gegenüber weißen Kindern im selben Kontext der Fall ist.

Mir ist es in Bezug auf dieses Thema aber auch immer ein großes Anliegen, etwas auszuholen und die Frage um die Perspektive zu erweitern, welche Rolle Ras- sismus eigentlich insgesamt im Alltag von Kita- und Schulkindern und deren Eltern spielt. Pädagogische Einrichtungen sind ein sehr prägender, gleichzeitig aber »nur« ein weiterer Raum, in welchem besagte Kinder und Jugendliche derartige Erfah- rungen machen. Im Zuge meiner Arbeit bei OPRA habe ich letztes Jahr einen Ar- tikel verfasst,2 in dem ich davon berichte, dass Kinder und Jugendliche auch im öf- fentlichen Raum, in ihren alltäglichen und als sicher empfundenen Umgebungen, wie bspw. auf Spielplätzen, an Bushalte- stellen oder in Kaufhäusern zunehmend rassistisch motivierten Angriffen ausgesetzt sind oder diese oftmals als Zeug*innen bei ihren Angehörigen oder Freund*innen miterleben. Auf den ersten Blick scheint dies zwar weniger dramatisch, aber kumu- liert gleichermaßen belastend, sind besag- te Kinder und deren Bezugspersonen in vielerlei Kontexten von Alltagsrassismus in Form rassistischer Mikroaggressionen3 betroffen. Wollen wir uns mit dem Bedarf

nach einer rassismuskritischen Qualitäts- entwicklung und den Auswirkungen der gemachten Erfahrungen in pädagogischen Einrichtungen auf diese sehr widerstands- fähige, aber auch sehr vulnerable Gruppe von betroffenen Eltern und deren Kindern auseinandersetzen, müssen potentielle Be- lastungen in den verschiedensten Kontex- ten mitgedacht, anerkannt und im Um- gang mit beschriebenen Situationen mit in Rechnung genommen werden.

}y Welche Auswirkungen hat Rassis- mus auf junge Menschen?
Ein Blick auf die mittlerweile umfassende

internationale Forschungsliteratur zeigt unumstritten, dass rassistische Diskrimi- nierung als deutlicher Risikofaktor für die Gesundheit von Schwarzen Kindern und Kindern of Colour betrachtet werden kann. So zeigt bspw. schon die Forschungs- gruppe um Sanders-Philips aus dem Jahre 2009 auf, dass erlebte Rassismuserfahrun- gen das Stressniveau und somit den Korti- solspiegel derart anheben können, dass so- wohl kurz- als auch langfristige Beeinträch- tigungen auf das Herz-Kreislaufsystem und das Immunsystem entstehen können. Dass durch derartige Erfahrungen hervor- gerufenen Stressreaktionen auch die Ent- stehung von Depressionen, Angststörun- gen und psychosomatischen Störungen bei Schwarzen Menschen und People of Co- lour begünstigen, wurde ebenfalls zahlreich belegt. Es gibt eine Reihe weiterer großer Überblicksarbeiten, welche zudem auf- zeigen, dass sich von Rassismus betroffene Kinder und Jugendliche deutlich häufiger als wenig selbstwirksam erleben, weniger selbstbewusst sind, ihre Lebenszufrieden-

INTERVIEW // RASSISMUS IN DER KITA Q}

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#PP INTERVIEW // RASSISMUS IN DER KITA

benen Strukturen negativ betroffen sind. Die Bereitschaft, auf Veränderungen im pädagogischen Handeln und auf struktu- reller Ebene hinzuarbeiten, sollte deshalb als erster entscheidender Schritt durch die Inanspruchnahme professioneller Qualifi- zierungsmaßnahmen erfolgen.

Gelingt es den Handlungsakteur*in- nen der Einrichtungen, ein breites Ver- ständnis für die verschiedenen Erschei- nungsformen von Diskriminierungen und Rassismus und deren Auswirkun- gen auf Betroffene – unter Anbetracht der verschiedenen Lebensrealitäten von Bezugspersonen und Kindern – zu ent- wickeln, ist ein wichtiges Fundament dafür gelegt, Rassismus weniger als Indi- vidualerfahrung, als vielmehr im Kontext historischer und gesamtgesellschaftlicher Strukturen zu verstehen. Bestenfalls ent- steht dadurch die dringend notwendige Offenheit, eine rassismussensible und an- nehmende Gesprächs- und Beteiligungs- kultur zu etablieren, welche die Erfah- rungen und Perspektiven von betroffenen Eltern und Kindern als Ressourcen wahr- nimmt und diese nicht aus Angst, Schuld oder anderen Motiven heraus abwehren und negieren muss. Eine vertrauensvolle Basis, in welcher sich betroffene Familien und Kinder äußern und beteiligen kön- nen, setzt voraus, dass die Einrichtung und die handelnden Akteur*innen im Falle konkreter Anlässe bereit sind, un- aufgeregt aber bestimmt zu reagieren, um sicherheitsstiftende Maßnahmen zur Ver- meidung weiterer Vorfälle umzusetzen.

}y An wen kann ich mich wenden, wenn ich Rassismus in Kitas erlebe und mir Unterstützung wünsche?
Sind Kinder im Kita-Alltag von Rassis- mus betroffen, ist es besonders wichtig, einfühlsam auf das Kind und ggf. auf die besorgten Bezugspersonen einzugehen

und seine*ihre gemachten Erfahrungen anzuerkennen und die eigenen Reak- tionen darauf zu normalisieren – unab- hängig davon, ob schon ein Schutzkon- zept erarbeitet wurde oder das Gefühl der Hilflosigkeit noch im Raum steht. Denn vor allem die von außen erlebte Invalidierung4 der eigenen Wahrneh- mung und die fehlende Unterstützung der Pädagog*innen als primäre Bezugs- personen im Kita-Alltag haben einen großen Einfluss darauf, wie belastend das Kind derartige Erfahrungen erlebt. Um sich als Kinder, Eltern und als Pä- dagog*innen bei der Lösungssuche und/

oder Ver- und
fahrungen im
zen zu lassen,
Einrichtungen
kostenlos und
anonym Beratung anbieten. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit möch- te ich in dem Zusammenhang auf die Beratungsstellen KIDs-Kinder vor Dis- kriminierung schützen5 (Fachstelle Kinderwelten), OPRA (Psychologische Beratungsstelle für Opfer rechtsextre- mer, rassistischer und antisemitischer Gewalt),6 ReachOut (Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus)7 und EOTO (Antidiskriminierungsberatung für Schwarze, Afrikanische und Afrodia- sporische Menschen in Berlin)8 verwei- sen, die sich auf vielerlei Ebenen unter- stützend und parteilich einbringen.

Quelle: https://www.eltern-helfen-eltern.org/service/KiTa-Spezial-Rassismus-190620.pdf